Journalismus

Vive le Boulevard - Wie Bild, Buzzfeed & heute die hohe Kunst des Plakativen leben

Der Boulevard ist wohl jenes Genre im Journalismus, das die geringste Anerkennung genießt...wobei, wenn man Anerkennung in Leserzahlen misst, dann steht er wiederum ganz vorn. Egal ob Bild-Zeitung, Buzzfeed oder unsere U-Bahnzeitung „heute“ – lass dich beim Lesen nicht Erwischen, denn da verspielst du schnell dein Image als intellektueller, durchgeistigter, kulturinteressierter Bildungsbürger. Ich weiß nur nicht, warum? Ich bin bekennender Boulevard-Fan...ich liebe die Kunst der Verknappung...die Geschichte zuspitzen, den Kern rausarbeiten, den reißerischen Titel finden...Die Bild-Schlagzeile „Wir sind Papst“ hat eine regelrechte „Wir sind“-Epidemie ausgelöst, die bis heute anhält. Täglich Alles’ „Klestil, wann gibst du die Löffler ab“ zaubert mir bis heute ein Schmunzeln ins Gesicht. Das Spiel mit dem Wort und die Kunst des Plakativen stehen sicher nicht für die fundierte Recherche, für das Hinterfragen der aufgeworfenen These, das Betrachten und Analysieren aus verschiedenen Blickwinkeln, aber es per se abzutun, wird der Sache nicht gerecht. Wir wollen heute möglichst schnell, möglichst viel Information, gleichzeitig möchten wir permanent unterhalten werden – und genau das gelingt dem Boulevard. Drum lassen wir ihm doch seinen Platz und blättern demnächst selbstbewusst durchs Kleinformat.

 

Kauft mehr Zeitungen - denn wir brauchen Journalisten, echte Journalisten

Nicht dass es unerwartet kam...eigentlich haben viele schon lange darauf gewartet...und gestern war’s dann soweit: Österreichs einzige Wirtschaftszeitung schließt ihre Pforten. Das taugt mir gar nicht. Weil ich bin bekennender Zeitungsleser und ich liebe, achte und ehre unsere Journalisten – die meisten zumindest. Wir brauchen sie in einer Demokratie, in der aufgeklärten Gesellschaft. Irgendjemand muss mit professionellem Auge auf die Geschehnisse in der Welt – sei es nun in der Chronik, in der Politik oder eben in der Wirtschaft schauen. Social Media ist zwar eine feine Ergänzung, kann aber echten Journalismus bei Gott nicht ersetzen. Gerade wieder bei den jüngsten Attentaten in Nizza, München und Ansbach hat man gesehen, wie wichtig der Beruf des Journalisten und die Rolle der traditionellen Medien sind. Wir brauchen verlässliche Informationen. Es ist nicht jeder mit einem Twitter-Account ein Journalist, es ist nicht jedes Foto vom Ort des Geschehens aus journalistischen oder ethischen Gründen zu veröffentlichen. Wir brauchen Journalisten, die ihre Arbeit können, die recherchieren, hinterfragen, schreiben. Und für diese Arbeit, für diese Dienstleistung müssen und sollen wir zahlen, in der Trafik, im Abo für Print oder Online. Warum glauben wir, dass Journalismus for free ist? Da stecken Medienmacher und Journalisten dahinter, die gelernt haben, die studiert haben, eine Karriere aufgebaut haben, jeden Tag in der Früh aufstehen, hart arbeiten, ihren Job machen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, in den Bundy & Bundy in der Wallnerstraße zu spazieren und einen Gratis-Haarschnitt abzuholen oder die Scheidungspapiere in der Innenstadtkanzlei ausarbeiten zu lassen und das Anwalts-Honorar nicht bezahlen zu wollen. Journalismus muss uns was wert sein – uns als Gesellschaft über die Medienförderung und uns als Einzelperson mit einem Print-, Online-whatever-Abo.